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Arbeit und Digitalisierung

„Wir dürfen nicht von Amazon und Co. eingeschläfert werden“

Theodor Niehaus war lange in der beruflichen Bildung tätig – jetzt ist er zum neuen Präsidenten des Didacta Verbandes gewählt worden. Im Bildungspraxis Interview spricht er über Digitalisierung und die Herausforderungen für Aus- und Weiterbildung.

didacta DIGITAL: Wo sehen Sie die großen Herausforderungen für die Bildungswirtschaft in den kommenden Jahren?

Theodor Niehaus: Die gesamte Bildungslandschaft befindet sich in einem gewaltigen Transformationsprozess. Einerseits hat sich das gesellschaftliche Umfeld maßgeblich verändert. Andererseits durchdringt die digitale Transformation viele unserer Lebensbereiche und ganz besonders auch die Bildungslandschaft. Es kommt heute nicht mehr darauf an, Wissen zu transferieren, sondern wie man das Wissen vernetzt, richtig nutzt, gut verwertet. Kompetenzen wie Kreativität werden an Wichtigkeit massiv zunehmen. Weitere Chancen entstehen durch die Anwendung von Methoden der künstlichen Intelligenz. Diese Transformation eröffnet neue Chancen für die Bildungswirtschaft.

Wird die Digitalisierung das alles beherrschende Thema?

Digitalisierung eröffnet uns neue Chancen, aber schafft auch disruptive Elemente, die unsere Branche vor Herausforderungen stellen wird. Wir müssen diese Veränderung gestalten, damit wir nicht von Amazon und Co. allmählich eingeschläfert werden, was in anderen Branchenbereichen bereits passiert ist. Um Bildungsprozesse zu stärken, werden kreative Kombinationen von analogen und digitalen Instrumenten nötig sein. Ziel der Bildungswirtschaft muss es sein, Bildungsqualität zu steigern– mit guten Produkten, Dienstleistungen und Fortbildungsangeboten. Diese werden zunehmend digitaler, aber nicht ausschließlich. Nehmen Sie beispielsweise die Start-ups: Viele der neuen Ideen sind digital, doch auch bewährte Methoden und Instrumente spielen hier eine wichtige Rolle. Oder die außerschulischen Lernorte, deren Kern das Lernen mit allen Sinnen ist.

Derzeit werden viele Ausbildungsberufe angepasst, um digitale Kompetenzen in der Ausbildung zu verankern. Gleichzeitig ändern sich die technologischen Rahmenbedingungen aber weiterhin schnell. Was muss passieren, damit die berufliche Bildung den Entwicklungen standhalten kann?

Die aktuellen Berufsbilder lassen schon heute viel Gestaltungsspielraum. Allerdings benötigt es auch den Mut und die Initiative aller Beteiligten, neue Anforderungen konsequent in den Abschlussprüfungen in allen Prüfungsbereichen abzufordern. Es hat sich über die Jahre gezeigt, dass dies der beste Weg ist, das Niveau durchgängig dem geänderten Bedarf anzupassen. Diese Aspekte werden auch in unserem Didacta Positionspapier „Wirtschaft 4.0“ sehr gut beleuchtet.

Sie waren viele Jahre für Lehr- und Lernmittel in der beruflichen Bildung verantwortlich. Werden Sie auf diesen Bildungsbereich einen besonderen Fokus legen?

Ich konnte in meinem Berufsleben in vielen Bildungsbereichen Erfahrungen sammeln, deshalb interessieren mich hier vor allem die Querschnittsthemen wie die digitale Transformation und die Heterogenität von Lernenden, die alle Bildungssektoren durchdringen. Auch wenn eine Segmentierung der Bildungslandschaft in manchen Bereichen hilfreich ist, sollten wir zugleich die übergreifenden Megathemen angehen, die alle Bildungsbereiche gleichermaßen treffen. Dort sehe ich eher meinen Fokus.

Muss sich an der Gestaltung der Aus- und Weiterbildung in Deutschland grundsätzlich etwas ändern?

Um den wachsenden interdisziplinären Anforderungen im beruflichen Umfeld zukünftig ideal gerecht werden zu können, sollten wir alle Anstrengungen unternehmen, um mehr miteinander und voneinander zu lernen. Konkret bieten sich dafür zum Beispiel gemeinsame Projektaufgaben zwischen Studenten, Auszubildenden und Mitarbeitern von Firmen an. Notwendig ist auch ein hoher Anteil von Job-Rotation in Unternehmen und im idealen Fall auch ein entsprechend stärkerer Austausch zwischen Bildungsinstituten und Unternehmen.

Sie sprachen auch die zunehmende Heterogenität an. Wo sehen Sie bei diesem Thema die Herausforderungen speziell für die berufliche Bildung?

Aus- und Weiterbildung sollte stärker an die technische Entwicklung gekoppelt werden, ohne den eigentlichen Bildungsauftrag aus den Augen zu verlieren. Solche Modelle lassen auch einen größeren Spielraum, unterschiedliche Talente zu fördern und der wachsenden Heterogenität gerecht zu werden. Dies sind Grundlagen für eine Aus-und Weiterbildung entlang der Wertschöpfung, was nichts Neues darstellt, sich aber, gemessen an den aktuellen Herausforderungen, umso erforderlicher für uns darstellt. Hier lohnt sich durchaus auch der Blick über die Grenzen zu unseren europäischen Nachbarn.

Viele Betriebe klagen immer lauter über den Mangel an guten Bewerbern auf Ausbildungsplätze. Gleichzeitig bleibt die Anzahl der Jugendlichen, die keine Stelle finden, seit Jahren hoch. Wie müsste hier gegengesteuert werden, damit beiden Seiten geholfen ist?

Berufliche Bildung hat gegenüber der akademischen Bildung ein zunehmendes Imageproblem. Wir brauchen Initiativen, die die Attraktivität der beruflichen Bildung stärker ins Bewusstsein der Entscheidungsträger, also der der Eltern und Schüler bringen. Hier geht es nicht nur um finanzielle Anreize, sondern auch um gesellschaftliche Anerkennung und schlicht um Information und Wissen über die Berufe.

Von didacta DIGITAL • BILDUNGSPRAXIS - das didacta Magazin für berufliche Bildung, 3/2019 • 30.08.2019

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