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Politik: digitalisierte Ausbildung

„Von der Arbeitswelt 4.0 sollen alle profitieren“

Kerstin Schreyer ist Arbeitsministerin in Bayern. In didacta Digital spricht sie darüber, wie die Digitalisierung die Ausbildung verändert – und warum Nachwuchskräfte gerade in Bayern rar sind.

Bildungspraxis:  Digitalisierung, Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt,  Geflüchtete –  wo sehen Sie derzeit die  größten  Herausforderungen für die  Berufsbildung?

Kerstin Schreyer: Die Digitalisierung ist eine der zentralen Herausforderungen. Ich sehe sie aber vor allem als Chance. Zwar werden bestimmte Arbeiten durch den technologischen Fortschritt ersetzt, andere werden dafür aufgewertet oder entstehen neu. Und das hat auch Auswirkungen auf die  Berufsbildung.

Inwiefern?

Der Fachkräftemangel ist heute schon in einigen Branchen spürbar. Deshalb müssen wir die inländischen Fachkräftepotenziale aktivieren. Dies betrifft junge Menschen mit Vermittlungsschwierigkeiten, aber auch Langzeit arbeitslose, Ältere, erwerbslose Frauen und Menschen mit Behinderung. Junge Geflüchtete, die dauerhaft bei uns bleiben, müssen den Wert einer Berufsausbildung erkennen und nicht nur mit Hilfsjobs schnelles Geld verdienen wollen. Der darüber hinausgehende Bedarf muss gegebenenfalls mit ausländischen Fachkräften gedeckt werden. Das geplante Fachkräfteeinwanderungsgesetz des Bundes soll dazu eine arbeitsmarktorientierte Zuwanderung ermöglichen.

Wie wirken sich die Veränderungen durch die Digitalisierung auf die  Ausbildung aus?

Es gilt, die Ausbildungsberufe am Fortschritt und dem dadurch veränderten Verbraucherverhalten auszurichten. Aktuell können wir das zum Beispiel am neuen Ausbildungsberuf des Kaufmanns im E-Commerce beobachten, der eine Antwort auf den florierenden Onlinehandel ist. Die digitale Arbeitswelt wird insgesamt dazu führen, dass in allen Branchen mehr Fachkräfte benötigt werden. Einfache Tätigkeiten werden künftig durch maschinelle Abläufe ersetzt. Deshalb müssen geeignete Ausbildungskonzepte entwickelt werden, um Arbeitnehmer mit geringer Qualifikation zu Fachkräften  auszubilden.

Laut Berufsbildungsbericht haben  die Unternehmen in Bayern besonders große Probleme, genug Bewerber  zu finden. Woran liegt das?

Die Situation in Bayern ist für junge Menschen hervorragend. Es gibt aktuell wesentlich mehr freie Ausbildungsplätze als unversorgte Bewerber. Die Kehrseite ist, dass nicht alle Unternehmen den benötigten Nachwuchs finden. Viele Eltern und Jugendliche sehen im Studium die einzige Chance auf Karriere. Das stimmt aber nicht. Eine berufliche Ausbildung ist genauso gut geeignet.

Was braucht es für mehr Attraktivität der Ausbildungsberufe?

Ganz klar, das ist vor allem eine Sache zwischen den Betrieben und den potenziellen Interessenten. Die Bayerische Staatsregierung kann aber die Rahmenbedingungen gestalten, um die Attraktivität des Ausbildungssystems hochzuhalten. Mit der „Allianz für starke Berufsbildung“ unterstützen wir junge Menschen beim Übergang von der Schule in die Ausbildung, etwa durch Berufseinstiegsbegleitung und Ausbildungsakquisiteure. Und mit dem Programm „Fit for work“ erhalten Unternehmen einen finanziellen Zuschuss, wenn sie junge Menschen mit Unterstützungsbedarf in eine Ausbildung übernehmen.

Die Bundesregierung will die  „Initiative Berufsbildung 4.0“ und  damit die Weiterbildung von  Ausbildern sowie die Digitalisierung überbetrieblicher Ausbildungs stätten ausbauen. Halten Sie das für  ausreichend?

Die Initiative ist ein wichtiger Schritt zur Neuausrichtung des Ausbildungssystems auf die Digitalisierung. Durch den globalen Wettbewerb müssen sich gerade kleine und mittlere Unternehmen zunehmend spezialisieren. Das führt aber dazu, dass bestimmte Ausbildungsinhalte nicht mehr von den Unternehmen alleine abgedeckt werden können. Überbetriebliche Berufsbildungsstätten ergänzen den betrieblichen Ausbildungsteil und tragen daher wesentlich zur Sicherung der Ausbildungsfähigkeit von Betrieben sowie zur Fachkräftesicherung bei.

Wie wollen Sie die „Arbeitswelt 4.0“ gestalten?

Mein Ziel ist, dass alle Menschen im erwerbsfähigen Alter am Wandel der Arbeitswelt partizipieren und von ihm profitieren können. Dafür braucht es Bildung in allen Lebensphasen und die Neugier auf neues Wissen. Alle Arbeitsmarktakteure sind aufgerufen, ihr Engagement für eine höhere Weiterbildungsbereitschaft und -beteiligung zu intensivieren. Wir haben mit unserem „Pakt für berufliche Weiterbildung 4.0“ im Juni 2018 eine wichtige Weiche für die Zukunft der Arbeitswelt in
Bayern gestellt. Zudem werden wir zusammen mit dem Zentrum Digitalisierung Bayern eine Themenplattform zur „Arbeitswelt 4.0“ aufbauen, um Wissenschaft und Wirtschaft besser zu  vernetzen.

Kerstin Schreyer

ist seit März 2018 Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales.

(Stand Januar 2019)

Von didacta DIGITAL • Vincent Hochhausen • 22.01.2019

Partner

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