© Bundesregierung /Jesco Denzel
Schulen und Digitalisierung

Digitalisierung: Wir brauchen einen echten Aufbruch!

Digitale Bildung ist eines der zentralen Themen von Staatsministerin Dorothee Bär, Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung. Im Interview mit didacta DIGITAL erklärt sie, worauf es bei der Digitalisierung von Schulen ankommt und wie sie diese Aufgabe bewältigen will.

didacta DIGITAL: Erst seit vergangenem Jahr gibt es mit Ihnen eine Beauftragte der Bundesregierung für das Thema Digitalisierung. Müssen Sie jetzt retten, was all die Jahre versäumt wurde – nämlich die Digitalisierung in allen Bereichen mit Nachdruck voranzutreiben?

Dorothee Bär: Es ist überfällig, dass es nun dieses Amt gibt. Ich schaue aber nicht zurück, sondern stets nach vorn. Ja, es ist wichtig, dass die Digitalisierung als Thema in all seinen Facetten mit viel Beharrlichkeit und Nachdruck nach vorne gebracht wird. Neben allen digitalen Einzelthemen brauchen wir in der Bevölkerung und in den Unternehmen einen echten Aufbruch. Die Chancen der Digitalisierung sehen und nutzen – wenn das auf breiter Front geschieht, wird jeder einzelne und jede einzelne ein Multiplikator. Dann werden wir die digitale Revolution gestalten können. Das ist ein wichtiges Ziel: Ängste abbauen, Chancen aufzeigen. Ich führe daher unzählige Gespräche mit Bürgern und Unternehmen und bin auf vielen Veranstaltungen für die unterschiedlichsten Zielgruppen präsent. Es gibt aber auch handfeste Themen, um die ich mich besonders kümmere: Dazu zählt die Digitalisierung der Verwaltung, sei es An- und Ummeldung, Kindergeld oder die Anmeldung eines Gewerbes. Ziel ist, dass der Bürger alles digital von zuhause aus erledigen kann – alle 575 Verwaltungsdienstleistungen. Das Thema digitale Bildung liegt mir ebenfalls sehr am Herzen. Das ist ein absolutes Schlüsselthema, wenn wir erfolgreich sein wollen.

Wie sieht die Vernetzung Ihres Amtes mit den Kultusministerien aus?

Ich habe durch meinen engen Austausch mit Schulen, Lehrerinnen und Lehrern und Initiativen für schulische Bildung ein gutes Bild, wie langsam das Thema in den Ländern immer noch vorangeht. Im November habe ich einen großen Gipfel im Kanzleramt zum Thema digitale Bildung mit Lehrern, Rektoren und Elternvertretern veranstaltet. Meine Tür ist für jeden auf allen Ebenen offen, der die digitale Bildung in Deutschland mit Schlagkraft voranbringen will.

Wie wollen Sie die Digitalisierung in den Schulen verwirklichen?

Wir brauchen Leitlinien für digitale Bildung, an denen sich Schulen und Lehrer orientieren können. Das betrifft nicht nur die Hard- und Software, sondern auch die Fragen: Wann macht der Einsatz von digitalen Geräten Sinn? Wie kann ich ihren Mehrwert nutzen? Für welche Arbeiten sind Sie geeignet? Wie können Sie zur individuellen Förderung beitragen? Ein Buch statt auf Papier auf einem Tablet zu lesen hat mit digitaler Bildung wenig zu tun. Stattdessen müssen wir uns mit Themen wie Algorithmen, Computational thinking, Programmieren, Datenanalyse, Robotik, digitaler Ethik, unternehmerischem Handeln und neuen Ansätzen der Problemlösung befassen.

Wie können die Lehrer – auch die älteren – bei dieser Entwicklung mitgenommen werden?

Meine Erfahrung ist: Es braucht eine kritische Masse von aufgeschlossenen Lehrerinnen und Lehrern an der Schule, die bereit sind, sich zu engagieren. Die ziehen dann die anderen ein Stück weit mit. Gerade wenn ein gewisser Wettbewerb einsetzt und jeder in die Klasse möchte, in der digitale Bildung gelebt wird. Das macht dann etwas mit den Lehrerinnen und Lehrern. Aber natürlich braucht es auch Angebote, damit sich die Lehrer entsprechend weiterbilden können.

Wie viel Geld steht zur Verfügung, um die Schulen fit für die Digitalisierung zu machen?

Mit der Investitionsoffensive für Schulen will der Bund seine Möglichkeiten für Investitionen in die kommunale Bildungsinfrastruktur ausbauen. Insgesamt sollen 5 Milliarden Euro - 3,5 Milliarden Euro in dieser Legislaturperiode - für den „Digitalpakt Schule“ zur Verfügung gestellt werden, um eine moderne digitale Infrastruktur an Schulen zu schaffen. Die Anbindung der „letzten Meile“ ans Breitbandnetz soll über das BMVI-Förderprogramm abgedeckt werden. Zur Finanzierung wird ein Sondervermögen „Digitale Infrastruktur“, gespeist aus den Erlösen der Versteigerung der 5G-Mobilfunklizenzen, errichtet. Im Vorgriff darauf erhält der Fonds aus dem Bundeshaushalt 2,4 Milliarden Euro, davon 30 Prozent für den Digitalpakt Schule, 70 Prozent für den Breitbandausbau.

Wie sähe für Sie eine zeitgemäße Schule im Hinblick auf digitales Lehren und Lernen aus?

Eine Schule wäre in dieser Hinsicht zeitgemäß, wenn sie den Kindern das Rüstzeug an die Hand gibt, dass sie die Technik beherrschen und nicht umgekehrt. Was ist ein Algorithmus, wie funktioniert Computational thinking? Solche Erkenntnisse braucht man, um einordnen zu können, was um uns herum gerade passiert und warum . Dazu gehört nach meiner Ansicht auch, dass Kinder Fertigkeiten des Programmierens beherrschen. Die Lehre sollte sich dann digitaler Geräte bedienen, wenn es um ihren konkreten Mehrwert geht. Sei es bei Gruppenarbeiten oder auch bei der Erstellung von individualisierten Aufgaben, je nach Lernfortschritt.

Was braucht es, damit die Digitalisierung in allen Bereichen ankommen kann und wir wieder Anschluss an andere Nationen finden, die Deutschland im Bereich Digitalisierung deutlich voraus sind?

Es braucht eine Gesamtanstrengung von Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Voraussetzung dafür ist der starke Wille, den Gestaltungsauftrag, den die Digitalisierung an uns stellt, anzunehmen und mit Herz und Verstand zu füllen. Wenn wir diesen Wechsel des – neudeutsch – „Mindsets“ hinbekommen, wird vieles sehr viel einfacher werden. Wir müssen auf die Ergebnisse schauen und dürften uns nicht durch Befindlichkeiten und Eitelkeiten einzelner Akteure – das geht auch an die Adresse einzelner Länder - Sand ins Getriebe streuen lassen.

© Bundesregierung /Jesco Denzel

Dorothee Bär, MdB, ist Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung.

Von didacta DIGITAL • Kerstin Trüdinger • 25.02.2019

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