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Kommentar

Der Digitalpakt kommt – doch die Technik allein wird wenig bringen.

Es war ein Ringen, nun ist es endlich durchgewunken: Die Schulen bekommen 5 Milliarden für die Digitalisierung. Jetzt benötigen Lehrer auch die Freiheit, sie sinnvoll einzusetzen.

Was kommt früher – der BER oder der Digitalpakt? Dieser Witz machte längst unter News4teachers-Lesern auf Facebook die Runde. Jetzt ist klar – “nur” zweieinhalb Jahre nach seiner Ankündigung ist der Digitalpakt tatsächlich in trockenen Tüchern. Fünf Milliarden Euro wird der Bund in den nächsten Jahren für die Digitalisierung der Schulen ausschütten, das sind immerhin 125.000 Euro pro Schule. Rechnet man die Mittel dazu, die der Bund für schnelles Internet ausgeben will (und auch hier sollen die Schulen Vorrang haben) und das, was so manche ehrgeizige Kommune zusätzlich aufwendet, kommt alles in allem schon eine hübsche Summe zusammen, mit der sich viel bewegen lässt. Wenn …

Der Digitalpakt ist, wissenschaftlich ausgedrückt, eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für einen zukunftsgewandten digitalen Unterricht. Ohne IT, klar, läuft nichts. Der Technikeinsatz allein verbessert aber auch noch nichts. Wer unter Digitalisierung versteht, die alten Schulbücher im PDF-Format auf den Bildschirm zu werfen – und ansonsten das Lehren und Lernen so belässt, wie wir es seit Jahrzehnten kennen –, der hat den grundlegenden Kulturwandel nicht verstanden, der mit der Digitalisierung einhergeht und der die Schulen längst erfasst hat, ob sie es wollen oder nicht. Woher, glauben Sie, holen sich heutige Mittelstufenschüler wohl ihre grundlegenden Informationen – aus dem Unterricht? Wer das glaubt, glaubt auch noch an den Weihnachtsmann. Ein Online-Lehrer wie der Mathe-Coach Daniel Jung erreicht mit seinen fünfminütigen Videokursen nach eigenen Angaben eine Million junge Zuschauer – monatlich.

Heißt: Tradierter Unterricht wird zunehmend sinnlos. Wenn Schülerinnen und Schüler sich die Grundlagen des Stoffes ohnehin nachmittags aus dem Netz holen, lässt sich das auch nutzen – indem man sie, erstens, mit qualitativ hochwertigen, geprüften Online-Inhalten versorgt, und, zweitens, das dann abgestimmte Material gezielt zur Vorbereitung auf den Präsenzunterricht einsetzt. Der kann sich dann der Vertiefung des angeeigneten Wissens sowie der individuellen Förderung widmen. „Flipped Classroom“, so heißt das Konzept – eine von einer Vielzahl von Ideen, mit denen sich Schule im Digitalzeitalter von Grund auf neu gestalten lässt. Welche Fülle von Innovationen derzeit von Lehrkräften und Schulleitungen vorangetrieben wird, ließ sich vergangene Woche auf der #KonfBD 2018 des Forums Bildung Digitalisierung beobachten.

Das Ende der gedruckten Enzyklopädien

Welche Wucht die Digitalisierung entfaltet, macht das Schicksal der Enzyklopädien anschaulich: Galten die gedruckten Wissenssammlungen bis vor 20 Jahren als der Hort jeglicher Allgemeinbildung – das offene Online-Lexikon Wikipedia hat die altehrwürdigen Formate innerhalb weniger Jahre hinweggefegt. So wird es jeder herkömmlichen Form der Wissensvermittlung von oben nach unten gehen. „Google ist schneller und besser“, so sagt PISA-Chef Andreas Schleicher. Das betrifft die Schule wie die Arbeitswelt. Gefordert sind deshalb Menschen, die Neues hervorbringen können, die kreativ und kommunikativ sind, die sich in Teams einbringen und flexibel auf neue Situationen einstellen können – und ebenso sollten Lernprozesse künftig aussehen. Offene Unterrichtsformen, die diese Eigenschaften fördern, benötigen aber Zeit. Solange die Lehrpläne vollstopft sind mit schier endlosen Vorgaben, wird es diese nicht geben.

Geld für digitale Technik bereitstellen – das reicht eben nicht. Damit ist die nächste Aufgabe für die Politik definiert: Schafft Platz, damit die IT auch sinnvoll angewendet werden kann. Entrümpelt die Lehrpläne! Nehmt Druck aus dem System! Gebt den Lehrkräften die Freiheit, die sie brauchen, um das zu vermitteln, worauf es wirklich ankommt!

Und wenn wir schon mal dabei sind: Bezahlt für geprüfte Inhalte, damit Schulen nicht auf kostenlose, aber oft fehlerbehaftete und/oder interessengeleitete Internet-Informationen angewiesen sind! Das Land Rheinland-Pfalz beispielsweise hat erst unlängst seinen Schulen einen Zugang zum Online-Brockhaus spendiert.

Das ist vorbildlich und belegt eines: Die Verantwortung der Politik für die Digitalisierung der Schulen endet nicht mit dem Digitalpakt – sie fängt damit an.

Von didacta DIGITAL • Andrej Priboschek • 11.03.2019

Andrej Priboschek

ist Gründer und Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus, die reichweitenstarke Medien in der Bildung produziert (wie die tagesaktuelle Nachrichtenseite News4teachers.de) und PR-Arbeit bis hin zum Content-Marketing für Unternehmen aus der Bildungsbranche und Institutionen anbietet. Priboschek leitete sieben Jahre lang die Öffentlichkeitsarbeit des Schulministeriums von Nordrhein-Westfalen. www.agentur-für-bildungsjournalismus.de.

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