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Lehrer Berufsbild

Guter Unterricht: „Persönlichkeitsbildung wird ein zentrales Merkmal sein“

Lehrkräfte werden zukünftig keine Wissensvermittler, sondern vernetzte Teamplayer sein. Davon ist Volker Lövenich, ehemaliger Lehrer und heute Education Advisor, überzeugt.

didacta: Was wünschen Sie sich für das Lernen der Zukunft?

Volker Lövenich : Für das Lernen der Zukunft  wünsche ich mir die Abkehr von der Defizitorientierung hin zu einer Ressourcenorientierung. Nur dies ermöglicht den Lernenden das Entdecken und Entfalten der eigenen Stärken und Potenziale. Lehrende vermitteln dann die Kompetenzen, die nötig sind, um in einer sich immer schneller verändernden Welt Wissen zu erwerben, Erlerntes zu überdenken und gegebenenfalls wieder zu verwerfen. Persönlichkeitsbildung wird ein zentrales Merkmal guten Unterrichts sein.

Lehrkräfte sind in 30 Jahren …

… nicht mehr die tradierten Wissens­vermittler, sondern Lernbegleiter und bestens vernetzte Teamplayer.

Die Bildungsheraus­forderungen der Zukunft?

Schule bildet die Arbeitnehmer von morgen aus, für Berufe, die es heute noch gar nicht gibt. Eine sich immer schneller verändernde Welt, politische Umbrüche und eine unaufhaltsame Automatisierung zwingen auch unser Bildungssystem zum Wandel. Die reine Reproduktion von erlerntem Wissen verliert zunehmend an Bedeutung, weil gerade dieses Wissen leicht digitalisiert werden kann. Lernen wird zu einer lebenslangen Aufgabe und die Lernenden müssen die notwendigen Kompetenzen für das 21. Jahrhundert beherrschen: Kommunikation, Kollaboration, kritisches Denken und Kreativität.

Bring your own device,  kurz BYOD, – gut oder schlecht?

BYOD ist keine tragfähige Lösung. Das Modell darf nicht dazu dienen, die Schulträger und Landesregierungen aus ihrer Verantwortung zu entlassen, für eine moderne Ausstattung der Schulen zu sorgen. BYOD widerspricht dem Ruf nach Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit und führt zu einer weiteren Form von sozialer Benachteiligung. Die Heterogenität der Endgerät führt unweigerlich zu einer Vielzahl von Problemen, die dem Wunsch nach einem unkomplizierten Einsatz im Unterricht entgegenstehen und ein notwendiges Classroom- und Device-Management nahezu unmöglich machen.

Stellen Sie sich vor, wir befinden uns im Jahr 2047 und Sie haben gerade  Unterricht.
Was wird der größte Unterschied zum heutigen Lernen sein?

Das Lernen wird aus der Sicht der Lernenden gedacht, die in völlig neu gestalteten Lehr- und  Lernräumen arbeiten; individualisiert, dezentral und virtuell. E-Learning-Modelle und didaktische Konzepte wie die des Flipped Classrooms – das umgedrehte Klassenzimmer, bei dem zu Hause das Wissen erlangt und in der Schule geübt wird –, werden Alltag sein.

Sie haben eine Minute Zeit, vor allen  Lehrkräften in  Deutschland über den  fehlenden Einsatz digitaler Medien zu sprechen. Was sagen Sie Ihnen?

Die außerschulische Lebenswirklichkeit der Lernenden ist bereits eine digitale. Dieser Tatsache muss sich Schule  stellen. Digitalisierung ist nicht als neues Problem zu sehen, sondern bietet vielfältige Lösungsmöglichkeiten für die pädagogischen Herausforderungen wie beispielsweise der Inklusion oder der individuellen Förderung.

Wer wird zukünftig wichtiger sein, der Lehrer oder der Computer?

Diese Frage stellt sich nicht, denn es wird nicht ohne das eine oder das andere gehen. In Zukunft wird die zentrale Aussage „What teachers do matters“ aus John Hatties Metaanalyse „Visible Learning“ noch mehr im Fokus stehen. Dafür ist es unerlässlich, dass sich die Lehrerrolle signifikant ändern muss. Das erfolgreiche Lernen der Zukunft wird aber auch dadurch bestimmt, dass Lehrende bereit sind, neue, durch Virtual und Augmented Reality oder Künstlicher Intelligenz unterstützte Lerninhalte und -methoden, zu integrieren.

Volker Lövenich

arbeitet bei Prowise und berät die Schulen in technischer und pädagogischer Hinsicht. Vorher war er Abteilungsleiter für die Mittelstufe an einem Hamburger Gymnasium und war dort zuständig für Schulentwicklung, Organisation und Didaktik der Mittelstufe.

Von didacta DIGITAL • Tina Sprung • 27.05.2019

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