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Tablets im Unterricht

Schule: digitales Lernen mit Tablets

So kann digitales Lernen aussehen: Erkunden wie ein Milchbetrieb funktioniert, eine Choreografie erstellen, ein virtueller Stadtrundgang – Tablets können praktisches Lernen fördern. Lehrkräfte berichten von ihren Projekten und Erfahrungen mit Tablets im Unterricht.

Praktisches Lernen mit Tablets auf dem Bauernhof

Jan  Albrecht,  Projektleiter, Messelbergschule Donzdorf

„Die Abbildung einer Kuh im Biologiebuch oder die DVD mit einem kurzen Beitrag zur Milchproduktion? Für die meisten Schüler kein wirklich spannender und zeitgemäßer Input. Zwar besuchen die meisten Schulen heutzutage einen Schulbauernhof, aber was nehmen die Schüler von solchen Exkursionen mit nach Hause? Oft wird der Spaß am Lernen direkt vor Ort im Nachgang durch traditionelle Arbeitsblätter getrübt. Für die Interessen der Kinder und kreatives Handeln fehlt trotz der eigentlich vielfältigen Möglichkeiten oft die Zeit.

Ganz anders stellt sich die Situation  dar,  wenn die Schüler mit dem Tablet ausgestattet auf Entdeckungsreise gehen: Während sich eine Gruppe in einer Tabellenkalkulation mit der durchschnittlich abgegebenen Milchmenge beschäftigt und diese grafisch darstellt, fertigen andere Schüler eine Fotocollage über die Merkmale der Kuh an. Im Stall wird mit Hilfe des Landwirts ein Lehrvideo erstellt, wie man eine Kuh von Hand melkt, während eine vierte Gruppe über die Karten-App verfolgt, welchen Weg der Milchtransporter nimmt und wohin die Milch ausgeliefert wird. Die Schüler erfahren dabei, wie komplex ein Milchbetrieb ist. Was bei allen Gruppen auffällt: Es wird viel diskutiert und nachgefragt – die iPads werden lediglich zum Dokumentieren und zur kreativen Umsetzung der Ergebnisse benutzt. Am Anfang war natürlich alles neu für die Schüler. Aber wenn die Technik nichts Besonderes mehr ist – so nach 4 Wochen –, rückt sie komplett in den Hintergrund und die Schüler sehen das iPad als reines Lernwerkzeug. Die im Laufe des Tages gewonnenen Erkenntnisse werden im Gespräch mit dem Landwirt evaluiert und mit der Lehrkraft wird das weitere Vorgehen im Unterricht besprochen. Die Motivation der Schüler ist dabei meist sehr hoch, da sie sich mit ihrem selbst produzierten, multimedialen Material deutlich mehr identifizieren als mit vorgegebenen Lehrbuchinhalten. Am Ende werden die Ergebnisse über eine Lernplattform für Mitschüler und Eltern zugänglich gemacht. Unterricht wird durch den kollaborativen Ansatz und durch die Symbiose von ,Natur erleben‘ und ,Technologieeinsatz‘ zu einem Lernerlebnis mit nachhaltigen Ergebnissen.“

Selbstständiges Lernen mit Tablets durch Multimedia - ein Tanzprojekt

Alicja Rebas, Lehrkraft, Katholische Grundschule Rather Kreuzweg, Düsseldorf

„,Das war cool, dass ich Mohammad  den  Videoschnitt  erklären konnte‘, erzählte der Grundschüler
Jamie euphorisch. Die aus dem multikulturellen Düsseldorfer Stadtteil Rath stammenden Jamie und Mohammad trafen eine Woche zuvor im Rahmen eines vom Tanzhaus NRW initiierten Tanzprojekts zum ersten Mal aufeinander. Gemeinsam mit weiteren Schülern im Alter zwischen 8 und 16 Jahren erarbeiteten sie unter Anleitung von zwei Tanzcoaches eine multimediale Performance zum Thema Ausgrenzung. In den beiden am Projekt beteiligten Schulen – der Katholischen Grundschule Rather Kreuzweg und der benachbarten Wilhelm-Ferdinand-Schüßler Tagesschule – sind Tablets fester Bestandteil des Unterrichts:
Die Schüler sind es gewohnt – mit Hilfe der iPads –, Lerninhalte selbstständig zu erschließen und Aufgaben kooperativ und kreativ zu erarbeiten. Daher kamen die Geräte auch während des Tanzprojekts zum Einsatz. Gedanken zu den Ausgrenzungsmerkmalen, wie beispielsweise der kulturelle  Background  und der in vielen Familien fehlende Zugang zu digitalen Medien, wurden mittels der Notizen-App festgehalten und um Fotografien und Skizzen ergänzt. Die Schüler recherchierten online nach kulturellen Tänzen und deren Bewegungsmustern, um sie anschließend in die eigene Choreografie zu übersetzen. Bereits entworfene Tanzsequenzen wurden zur Optimierung der Übergänge mit der Kamera-App aufgenommen, gemeinsam gesichtet und überarbeitet – wie bei einer professionellen Produktion. Zusätzlich wurden während der gemeinsamen Arbeit auch Videointerviews mit den beteiligten Schülern und Coaches aufgenommen, die auf dem Tablet geschnitten und mit Überschriften versehen wurden. Auch um das Bühnenbild kümmerten sich die Schüler während des Workshops selbst: Sie sammelten aussagekräftige Bilder, aus denen sie mit Hilfe einer kostenlosen App eine Collage erstellten, die dann während der Tanzaufführung großflächig auf die Wand projiziert wurde.

Das Fazit der beteiligten Schüler fiel ausgesprochen positiv aus. Wenige Tage nach der Aufführung berichtete Mohammad, dass er durch das Tanzprojekt in vielen Bereichen dazugelernt hätte: ,Ich fand es toll, wie  mir  Jamie  die  Videobearbeitungs-App erklärt hat. Vorher hatte ich keine Ahnung wie das funktioniert und jetzt habe ich schon mein erstes Video selbst geschnitten.‘“

Vielfältiges Lernen mit Tablets: Stadtführer als Multi-Touch-Buch erstellen

Martin Fritze, Seminarrektor, Staatliche Realschule Abensberg

„Interkulturelle Kompetenz ist eine grundlegende Voraussetzung für erfolgreiche Kommunikation und Teamarbeit in einer globalisierten Welt. Der bewusste Umgang miteinander und Verständnis füreinander gelingen besser, wenn junge Lerner zunächst die eigene Lebenswelt bewusst wahrnehmen, reflektieren und diskutieren. Die Aufgabenstellung, einen multimedialen, englischsprachigen Stadtführer für Gäste und Besucher aus aller Welt zu entwerfen und zu veröffentlichen, verlangt von den Schülern, andere Perspektiven einzunehmen: Zwar hilft die eigene Sichtweise, das eigene Wissen über die Heimatstadt bei der ersten Auswahl der Inhalte weiter. Um aber einzuschätzen, ob diese Ideen und Angebote auch für Touristen relevant und interessant sind, bedarf es eines Perspektivenwechsels, einer gemeinsamen Neubewertung der ersten Ergebnisse.

Im konkreten Beispiel ermöglicht der Einsatz des iPads den Lernenden, sich ihrer eigenen Stadt zu
nähern, spannende Sehenswürdigkeiten zu identifizieren und erzählenswerte Geschichten zu entdecken und zu dokumentieren. Arbeitsaufträge und Ergebnisse werden in kollaborativen Dokumenten geteilt und bearbeitet – so sind alle Gruppenmitglieder stets auf dem aktuellen Arbeitsstand und können ortsunabhängig an dem gemeinsamen Projekt weiterarbeiten. Die Lehrkraft kann den Lernprozess konstruktiv begleiten, indem sie direkt in die geteilten Dokumente kommentiert – entweder in schriftlicher Form oder in Form von Audio-Kommentaren. Währenddessen erkunden die einzelnen Lerngruppen die unterschiedlichsten Orte der Kleinstadt Abensberg, entdecken neue, spannende Plätze, tippen Texte, fertigen Skizzen an, dokumentieren mit Hilfe der Kamera oder drehen kurze Videos, um ihren Stadtführer mit Leben zu füllen oder Gedanken für den weiteren Arbeitsprozess festzuhalten. Anschließend strukturieren die Schüler ihre Ergebnisse, beraten über die relevanten Inhalte und fassen alles in einem Multi-Touch-Buch zusammen. Dieses lässt sich ganz einfach mit allen Mitgliedern der Schulfamilie teilen – was dem
Projekt eine echte Relevanz verleiht und die Schüler zusätzlich motiviert. Am Ende des Tages geht es nicht mehr nur um Lernergebnisse, sondern um ein Produkt, welches bis weit über die schulischen Grenzen hinaus wahrgenommen wird.“

Von didacta DIGITAL • 19.02.2019

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