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Digitalisierung und Weiterbildung

Digitalisierung: Weiterbildung im Umbruch

Die Digitalisierung revolutioniert die Arbeitswelt. Berufsbildungs-Insider Peter Backfisch darüber, wie die Weiterbildung der digitalen Zukunft aussehen sollte.

didacta DIGITAL:  Was  verändert sich derzeit in der beruflichen  Weiterbildung?

Peter Backfisch: Der größte Trend ist die Digitalisierung. Anbieter von Weiterbildungen müssen die Lerninhalte aller Maßnahmen an den Anforderungen der Wirtschaft  im Bereich Digitalisierung ausrichten. Das heißt: ständig nachjustieren, sowohl inhaltlich als auch bei der Ausstattung, weil die Technologien sich sehr schnell verändern. Viele Apps und robotergestützte Technologien werden auf dem Markt eingeführt und dann laufend perfektioniert – sie sind so  schon nach kurzer Zeit veraltet und müssen ständig  erneuert werden.

Was heißt das konkret?

Derzeit kann man von einer Erneuerung alle zwei bis drei Jahre ausgehen. Das ist vergleichbar mit der Zeit, als die ersten Computerprogramme im Bürobereich aufkamen. Damals dauerte die Veränderungszeitspanne eineinhalb Jahre – inzwischen behalten die Programme ihre Gültigkeit etwa fünf Jahre lang. Bei der Digitalisierung beträgt diese Zeitspanne momentan zwei Jahre. Das stellt die Entwickler und Anbieter von Weiterbildungen vor große  Anforderungen.

Welchen Einfluss hat die  Digitalisierung auf die Inhalte?

Heute wird immer mehr mit Apps gearbeitet. In Büros, wo früher Standardprogramme wie Excel und Word zum Einsatz kamen, liefern heute Apps zunehmend vorgefertigte Dokumente. Diese werden nur mehr ausgefüllt und sofort weitergeschickt. Früher hat man beispielsweise eine Mail erhalten und sie dann durch eine Antwortmail individuell beantwortet. Inzwischen trägt man die gewünschten Angaben für den Absender nur mehr in vorgefertigte Schriftsätze oder Formulare ein und schickt sie dann ab. Die Menschen geben außerdem zunehmend Kompetenzen an Maschinen beziehungsweise Automationsroboter ab. Das hat zur Folge, dass das Programmieren im Büro immer wichtiger wird.

Und bei den gewerblich-technischen Berufen?

Dort geht es meist um bestimmte Fertigungsvorgänge, beispielsweise ein Werkstück, das früher mit einer Drehmaschine gemacht wurde. Heute macht das ein Roboter: Er übernimmt den kompletten Herstellungsvorgang, der Mensch hat mit der Produktion nichts mehr zu tun. Er programmiert nur den Roboter.

Das heißt es geht künftig nur noch um Programmierfähigkeiten und  Technikwissen?

Die Kompetenzanforderungen werden immer digitaler werden und das jeweilige Training dafür auch. Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass menschliche und soziale Komponenten eine immer größere Rolle spielen werden. Gerade bei den Trainern, die diese Kompetenzen vermitteln, brauchen wir zukünftig noch mehr Sensibilität. Sie müssen Menschen, die Schwierigkeiten in diesem Lernprozess haben, entsprechend unterstützen.

Wie läuft  Weiterbildung in den  gewerblichen Berufen ab?

Derzeit übernehmen vor allem Trainer die Weiterbildung. Zukün ig wird immer mehr in virtuellen Trainingsstätten fortgebildet werden. Da gibt es dann keinen Trainer mehr, der Lerner sitzt stattdessen zu Hause vor seinem Laptop und sieht beispielsweise einen Produktionsablauf für ein bestimmtes Projekt oder Produkt an. Er kann das Werkstück auf dem Laptop von allen Seiten betrachten und sich virtuell ansehen, was er dabei Schritt für Schritt zu tun hat.

Wo sehen Sie die berufliche Weiterbildung im internationalen Vergleich?

In Deutschland ist die Berufsausbildung stark reguliert. Das garantiert eine hohe Ausbildungsqualität und hat international daher auch eine hohe Gültigkeit. Allgemein heißt es, die deutsche Berufsausbildung sei das beste System, aber kaum ein Land arbeitet nach deutschem System. Der Grund: Die Qualität kostet Geld. In Deutschland  finanzieren die Firmen vielfach selbst kürzere Weiterbildungsmaßnahmen – diese dauern bis zu drei Monaten – und richten diese individuell auf ihre speziellen Bedarfe aus. Das kostet die Firmen viel Geld, aber deutsche Firmen haben eine hohe Bereitschaft , Geld in betriebliche Weiterbildung zu investieren, um einen hohen Qualitätsstandard halten zu können und konkurrenzfähig zu bleiben. Im Ausland gibt es dieses Bewusstsein in Sachen Aus- und Weiterbildung nicht.

Was heißt das konkret?

Wenn ich zu ausländischen Partnern sage, Ihr müsst bei eurer Weiterbildung Strukturen zur Finanzierung und Förderung einbauen, erhalte ich zur Antwort: Da beteiligen wir uns nicht, das soll der Staat machen. Das heißt, es fehlt die Bereitschaft , Geld für betriebliche Bildung auf den Tisch zu legen. Das ist schwer nachvollziehbar, vor allem wenn das von reichen Firmen kommt. So war es beispielsweise in Ägypten bei einem großen Automobilhersteller. Dort herrscht das Denken vor, der Staat müsse für die Ausbildung und Weiterbildung aufkommen. Aber wenn die Haushaltslage dieser Länder schlecht ist, gibt es natürlich auch keine politische Bereitschaft , das zu  finanzieren.

Gibt es alternative Finanzierungsmodelle für betriebliche Weiterbildung?

Gerade weniger reiche Staaten, wie in Nordafrika, haben sogenannte Weiterbildungsfonds eingeführt, um die betriebliche Ausbildung zu verbessern. In diese muss jede Firma Geld einbezahlen – vergleichbar mit unserer Rentenversicherung. Wenn eine Firma ihr Personal weiterbilden will, kann sie aus diesem Fonds Geld erhalten. Das ist ein relativ weit verbreitetes System, das gut funktioniert.

Wäre das auch für Deutschland  wünschenswert?

Ja, ich würde das begrüßen. Derzeit wird berufliche Weiterbildung in Deutschland entweder von den Unternehmen selbst oder sehr oft  von der Bundesagentur für Arbeit  finanziert. Mittel dafür sind im Budget der Agentur für Arbeit immer nur ein Randbereich, der schnell Kürzungen zum Opfer fällt. Gäbe es einen Weiterbildungsfonds in Deutschland, dann wäre sichergestellt, dass das
Geld ausschließlich in Weiterbildungsmaßnahmen fließen würde.

Peter Backfisch

ist Referent für Europapolitik beim Internationalen Bund und Vorsitzender des Bundesverbandes Berufsbildung  International.

Von didacta DIGITAL • Benigna Daubenmerkl • 01.04.2019

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