© CandyBox Images / Shutterstock
Digitalisierung

Digitale Bildung: „Richtig organisiert lernen wir in Zukunft besser“

Vom 23. Bis 25. Mai findet in Linz die 1. didacta Digital Austria statt. Einer der Hauptredner des Education Festivals, Bildungsforscher und Didacta-Präsident Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis, im Interview über Digitalisierung und digitales Lernen und Lehren.

didacta DIGITAL: Herr Professor Fthenakis, seit vielen Jahrzehnten analysieren Sie die Entwicklung der Bildungssysteme weltweit. In vielen Ländern haben Sie diese aktiv mitgestaltet, haben Bildungspläne entworfen und die Politik beraten. Heute sagen Sie: „Die Digitalisierung stellt die Bildung vor die größte Herausforderung aller Zeiten.“ Warum?

Wassilios E. Fthenakis: Die Digitalisierung stellt die Bildungssysteme vor ihre größte Herausforderung, weil sie die Art und Weise wie Kinder lernen und zugleich auch die Bildungsinstitutionen selbst verändert. Solche Prozesse beobachten wir in der gesamten Gesellschaft.

Sind die Bildungssysteme auf diesen Wandel vorbereitet?

Bestehende Bildungssysteme sind wenn überhaupt nur begrenzt geeignet, um den Transformationsprozess in die digitale Ära erfolgreich zu bewältigen. Sie bedürfen selbst einer tiefgreifenden Reform. Eigentlich müssen gleich drei Veränderungen erfolgreich vorgenommen werden: die Bildungssysteme müssen neu konstruiert, produktive Verbindungen zwischen analogen und digitalen Lernangeboten müssen geschaffen und nicht zuletzt neue Lernräume gestaltet werden. Wir haben spät auf diese Herausforderungen reagiert und Kindern Lernchancen vorenthalten, die dringend benötigt werden.

Welche Effekte auf das Lehren und Lernen hat der Einsatz digitaler Technik?

Digitale Medien allein verändern nicht die Bildungsqualität. Sie müssen in eine neue Lernkultur eingebettet werden und sind von Rahmenbedingungen abhängig: eine verfügbare und gewartete Infrastruktur, gut ausgebildete Fachkräfte und vor allem ein geeignetes pädagogisches Konzept. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, dann kann dies mit Gewinn für die Kinder einhergehen: Sie haben einen besseren Zugang zum Wissen, sie werden in ihrer Autonomie gestärkt, sie entwickeln kreatives und problemlösendes Verhalten. Zudem werden selbstgesteuertes und kooperatives Lernen gefördert.

Lernen wir in der digitalen Welt besser?

Wir lernen anders, nicht mehr nur mit allen Sinnen. Mit Hilfe neuer Technologien können Bildungsinhalte erfahrbar werden, die wir über unsere Sinnesorgane nicht unmittelbar erfassen können, beispielsweise weil sie weit entfernt, uns unzugänglich oder mit hohem Risiko behaftet sind. Die erweiterte Realität, Augmented Reality, kann solche Begrenzungen überwinden. Der Lernprozess gewinnt an Breite und Tiefe und führt zu einer neuen Lernqualität. Kinder gestalten diesen Lernprozess aktiv mit. Ihre intrinsische Lernmotivation wird gestärkt und diese produktive Verbindung zwischen analogen und virtuellen Elementen verändert den Lernprozess. So organisiert kann der Lernprozess gewinnbringend und sicherlich besser sein.

Wie sieht Ihrer Einschätzung nach eine digitale Didaktik aus, die den Ansprüchen an zeitgemäßes Lehren und Lernen gerecht wird?

Sie muss nicht grundsätzlich anders sein als die Didaktik in der analogen Welt. Allerdings gewinnen informell organisierte Lernprozesse mit kooperativen Lernformen an Bedeutung. Ko-konstruktiv organisierte Bildungsprozesse entsprechen am ehesten den Anforderungen, die an eine Didaktik in der digitalen Ära gestellt werden. Auch die Zeitorganisation solcher Bildungsprozesse muss sich verändern. Lernautonomie und aktive Mitgestaltung durch den Lernenden charakterisieren die neue Didaktik. Hinzu kommt, dass nicht mehr nur Individuen, Fachkräfte oder Kinder, die Bildungsprozesse gestalten, sondern auch nicht humane Elemente, wie beispielsweise Human Computers zur Moderierung bzw. Dokumentation von Bildungsprozessen herangezogen werden. Dafür verfügen wir gegenwärtig weder über eine geeignete theoretische Grundlage noch über einen didaktischen Ansatz.

Worauf müssen sich Pädagoginnen und Pädagogen ganz konkret einstellen?

Vor allem müssen sie sich darauf einstellen, dass die Zukunft der Bildung digital ist. Sie müssen hinterfragen, ob ihre Kompetenzen den Herausforderungen gerecht werden können, die aus der Digitalisierung von Bildung resultieren. Und weil dies in den seltensten Fällen gegeben ist, müssen sie sich auf eine tiefgehende Professionalisierung einlassen. Hierfür gibt es geeignete Konzepte, die jedoch auch umgesetzt werden müssen.

Die didacta Digital Austria bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher in Linz? Wie kann diese Veranstaltung die Pädagoginnen und Pädagogen unterstützen?

Die didacta Digital Austria ist ein Ort der Begegnung, des Informationsaustauschs, aber auch ein Ort, in dem konkret gezeigt wird, wie moderne Bildungssysteme auf die digitale Herausforderung reagieren. Wir zeigen beispielsweise, wie Konzepte der Augmented Reality und der Virtual Reality konkret in den Praxisalltag integriert werden können und dies über alle Stufen des Bildungsverlaufs. Die Besucherinnen und Besucher können spannende Debatten über die Zukunft der Bildungssysteme verfolgen und sich aktiv an Diskussionen beteiligen. Junge Start-ups präsentieren ihre Lösungsansätze und zahlreiche Veranstaltungen vermitteln Informationen, geben Orientierung und laden ein, den Wandel aktiv mitzugestalten. Im Idealfall verlassen sie die didacta Digital Austria bestens informiert und mit dem Gefühl, Teil dieses Entwicklungs- und Reformprozesses zu sein.

 

© Kreklau

Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis

Bildungsforscher und Didacta-Präsident

Von didacta DIGITAL • 10.04.2019

Weitere Infos auf:

https://www.didacta-digital.at/

Die didacta Digital Austria, vom 23. bis 25. Mai in Linz, ist Österreichs erstes Education Festival – eine Bildungsmesse mit dem Schwerpunkt Digitalisierung, die weit mehr bietet als eine Produktausstellung. Das Erlebnis Bildung, Mitmachen und Fortbildung stehen im Vordergrund. Die didacta Digital Austria ist eine Kooperation der Education Group, Linz und des Didacta Verbandes der Bildungswirtschaft, Darmstadt. Sie wird unterstützt vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung, vom Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort sowie von der Landesregierung Oberösterreichs. Durchgeführt wird die Messe von der GEE Global Education Events GmbH, Hamburg.

Partner

eMag didacta DIGITAL